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Geschichte von Rodau


Die "Verwaltungskarte der Grafschaft Katzenelnbogen von etwa 1470" konzentriert die Blicke des Beschauers unmittelbar in die Mitte des Kartenblattes, wo sich die Eintragungen häufen und allein vom Anschaulichen her schon die Kraftlinien historischen Geschehens bewusst werden lassen.
Demgegenüber fällt der Süden des dargestellten Raumes deutlich ab. Und doch auch hier die nicht zu unterschätzende Bedeutung, die in der Leistung der Darmstädter Katzenelnbogen und ihrer Nachfahren sichtbaren Ausdruck gewinnt.
Geborgen und verborgen liegt hier, am Ende der Gersprenzsenke, gesichert durch das feste Reinheim, die ehemalige Kellerei Lichtenberg mit ihrer alles überragenden, alles überschauenden und beherrschenden Fortifikation, in deren Schutz einige wenige Dörfer ein bescheidenes, von vielen sogenannten großen Ereignissen freies Leben führen.
Zweigeteilt ist der Einflussbereich der Kellerei Lichtenberg. Der Schwerpunkt liegt auf der Südostseite des beherrschenden Höhenzuges, der die Feste Lichtenberg trägt. Das Fischbachtal ist der mit den Dörfern Billings, den unter den Mauern Lichtenbergs liegenden Ober- und Niedernhausen und Groß-Bieberau sowie Brensbach der wirtschaftliche Kernraum der Kellerei. Der nordwestliche Teil ist demgegenüber in seiner Bedeutung gering. Hier liegt, etwa zwei Kilometer vom Verwaltungspunkt Lichtenberg entfernt, das Dorf Rodau mit seiner Gemarkung, das zwar durch das feste Haus des Schrautenbach, des Lichtenberger Amtmanns, an die Geschicke Lichtenbergs geknüpft ist, dabei aber gleichzeitig im Einflussbereich Reinheims liegt. Dieses Dörfchen, auf obengenannter Karte nicht einmal verzeichnet, ist Thema der folgenden Darstellung.

Rodau bedeutet, wenn man von seinem heutigen Namen ausgeht, gerodete Au. Auch die verschiedenen altüberlieferten Namen dieses Dorfes drücken ähnliches aus. Eine Rodung setzt Wald voraus und vorheriges Fehlen jeglicher Besiedlung größeren Ausmaßes.
Schaut man daraufhin die Fundberichte unseres Gebietes durch, dann darf man erstaunt sein; so genau trifft obige Voraussetzung zu. Aus keiner Epoche der bei uns aufeinanderfolgenden Kulturen der Stein-, Bronze- oder frühen Eisenzeit bis hin zur Spätlatènezeit suebischer Prägung und der Merowinger- bzw. Karolingerzeit ist ein einziger Fund verzeichnet.
Selbst wenn wir berücksichtigen, dass die Spatenwissenschaft weitgehend auf Zufallsfunde angewiesen ist, so sprechen doch Fundhäufungen wie auch das Fehlen jeden Fundes eine beredte Sprache.
Während andere Dörfer dieses Raumes eine fast lückenlose Siedlungskontinuität aufweisen (z. B. Groß-Bieberau), liegt der Rodauer Raum noch ungenutzt. Auch wenn wir eine vollständige Waldbedeckung in Abrede stellen, hatte dieser Landzipfel unmittelbar neben der "Hohen Straße" von Reinheim nach Brandau keine Anziehungskraft auf den Menschen.

Ein Grund für seine Siedlungsfeindschaft dürfte der überaus schwere Boden sein, der seinen heutigen Besitzern noch recht viel Kummer bereitet. Ein Vergleich von Ertragsleistungen Rodauer Bauernhöfe mit in der Größenordnung gleichwertigen aus anderen Gebieten (Lößriedel des Reinheim-Umstädter Hügellandes) würde manchen Aufschluss geben. So bleibt beispielsweise das im Zuckerrübenanbau liegende Geschäft den Rodauern weitgehend versagt. Der Boden klebt und trocknet nach selbst mäßigen Niederschlägen sehr schwer und verhindert so tagelang eine Bearbeitung oder Abfuhr der Ernte. Eine Besiedlung dürfte demnach erst erfolgt sein, als eine günstige Klimaperiode bestand oder den Menschen keine andere Wahl blieb (relative Übervölkerung), als jedes Fleckchen Erde zu bebauen. Vielleicht dürfen wir eine Besiedlung für die Zeit der großen Rodungen des 9. bis 12. Jahrhunderts annehmen.


Die Existenz des Dörfchens Rodau wird bestätigt für das Jahr 1398 durch die Verleihung des großen und kleinen Zehnten an die Brüder Konrad und Heinrich von Ylbach durch den Grafen Eberhard v. Katzenelnbogen (1385-1403).
Im Jahre 1403 erhält Henne von Zwingenberg als Mannlehen das Gericht, Gülden und Zinsen zu Rodau. Ein Jahr später wird Konrad von Illbach durch Graf Johann III. (1403-1444) mit dem Kelbyn-Hof (Kalb) in Reinheim (gehörte Rabenold) und dem Zehnten zu Rodau, den Mosbach innehatte, belehnt. Das Jahr 1420 sieht einen Hanmann Echter, der die durch den Tod Heinrichs von Hattstein erledigten Güter in Rodau an sich ziehen kann, als Besitzer dieses Burglehens der Stadt Reinheim.

Die drei vorerwähnten Beispiele zogen, dass Rodau schon mit seinem Eintreten in die Geschichte nicht als Einheit zu behandeln ist. Von Anfang an finden sich drei Rechtsbezirke auf engstem Raum, die aus privatrechtlichen und öffentlich-rechtlichen Institutionen erwuchsen. Durch die langen Jahre der Dorfgeschichte ziehen sich nun die Versuche all jener, die in einem dieser Rechtsbezirke Fuß fassten, möglichst alle drei in einer Hand zu vereinen. Erstmals gelang dies nahezu Heinrich von Mosbach, der zusammen mit Hans Erligheim, dem Sohn des Albrecht von Erligheim, Rodauer Gülten, Güter und die beiden Zehnten als Mannlehen auf seine Person vereinigen konnte.

Dabei sind jedoch die aus dem Reinheimer Burglehen stammenden Güter, die in der Gemarkung, Rodau lagen, nicht mit einbezogen. Denn eine Lehensbestätigung des Grafen Philipp von Katzenelnbogen für Hanmann Echter aus dem Jahre 1445 lässt dies zweifelhaft erscheinen.
Eine Sonderstellung nahm das Dorf selbst ein. Losgelöst von den oben erwähnten Rechtsbezirken wurde es 1427 dem Wortwin Stumpf "von Aschbach" übertragen. Und es will merkwürdig erscheinen, dass diese Verleihung im Einflussbereich des Katzenelnbogeners durch Schenk Konrad von Erbach erfolgte. Dabei wird zwei Jahre später Hans "von Aspach, den man nennet von Roden", als Lehnsmann des Grafen von Katzeneinbogen erwähnt (1429).

Auf die Dauer gesehen hatte Mosbach den größeren Einfluss, die Mitbewerber um die Rodauer Einheiten blieben weit zurück. Heinrich von Mosbachs Söhne Heinrich und Hans können 1448 und 1459 den Anteil des Hans von Erligheim (eine Hälfte des großen und kleinen Zehnten zu Rodau) zu ihrem väterlichen Erbe hinzufügen. Ihr Einflussbereich erstreckte sich von Reinheim bis Brandau und über Illbach bis Ober-Ramstadt, wo sie teils Höfe, Ländereien, Burglehen verschiedener Art, Beede und Zehnten besaßen. Dabei lag ihr Kraftzentrum in Reinheim. Doch liegen Anzeichen dafür vor, dass gerade der Rodauer Raum zu einer neuen Schwerpunktsbildung - vielleicht im Hinblick auf Lichtenberg - ausersehen war. Denn neben der Häufung verschiedener Nutzungsrechte in Rodau treten nicht weniger als vier Lichtenberger Burglehen auf. Eines davon gibt uns Aufschluss über die Nutzung eines Teils der Rodauer Gemarkung und ergänzt so das Bild, das wir uns durch das Kartenstudium machen können:

Neben 10 Pfd. Heller und 19 Mil. Fruchtgülte (halb Korn, halb Hafer) gehören zu diesem Burglehen drei Obstgärten am Rodauer Weg "bei der kleinen Linde, dem sogenannten Kälbergarten unter der Lenemuren, der Haner Wiese und dem dabei gelegenen Acker".
Es erscheint angebracht, an dieser Stelle einen Blick auf die Gemarkungseinteilung des Dorfes zu tun.
Zweigeteilt durch die tiefliegende Straße Asbach-Lichtenberg mit der Abzweigung nach Groß-Bieberau, und in der Querrichtung nochmals geteilt durch Teilungen zwischen den recht steilen Hügeln, ist die Gemarkungsnutzung schon weitgehend vorbestimmt. An den tiefer liegenden Stellen haben wir die Wiesen, die einst z. T. recht sauer gewesen sein mögen. Oberhalb anschließend folgt die Zone der Äcker, die in den unteren Lagen (Schutz vor Wind, rasch abfließende Kälte) einen guten Obstbaumbestand aufweisen.


Das Leben der Einwohner des kleinen Dörfchens, das abseits der großen Ereignisse dahindämmerte, muss eintönig gewesen sein. Es stand ganz unter dem Eindruck Lichtenbergs. Aufgeteilt in verschiedene Einflusssphären, fehlte ihm jede Art von Selbständigkeit. Jedes Eigenleben war ausgeschaltet. Der übergeordnete Lebenskreis saugte alles auf und dirigierte nach seinen Belangen. So sind Zeugnisse für selbständiges Schaffen nicht vorhanden. Aus dieser Anonymität treten zwei "Ereignisse" heraus, die bezeichnend sind für die Art der Existenz in dieser abgeschiedenen Weltecke.
In den Protokollen des Landgerichtes Ober-Ramstadt wird von einem Streitfall berichtet, in den ein Rodauer Einwohner verwickelt ist: "Zum dritten brengt derselbe vor Bastian wanhaft zu Berbach und Hans Eych-horn von Roden, das Hans E. inne ein gülden schuldig sii, hait Hans E. geantwortet, er lige als eyn bosewicht.

Eine ähnliche Voraussetzung führte zum zweiten "Ereignis", das für das Jahr 1616 bezeugt ist. Der in Rodau lebende Müller des Lichtenberger Amtmannes überschreitet die Grenzen seines Bereichs und pfuscht den Müllern in Groß-Bieberau und Billings ins Geschäft. Diese richten deshalb eine Beschwerde an die zuständige Stelle und fordern Abhilfe.

Diese Übergriffe in andere Einflussbereiche scheinen überhaupt überall das übliche gewesen zu sein. Denn in einer anderen Beschwerde werden alle Köhler des Amtes Lichtenberg beschuldigt, ihre Ware ins "Ausland" zu verkaufen, obwohl der Bedarf dem Angebot im Amtsbezirk weit vorausgeeilt sei.
Man will, so scheint es, die Rechtsbezirke als eigenständige Lebenskreise, abgeschnitten von allem, was angrenzt, erhalten wissen. Dass das Leben über diese engen Grenzen hinausdrängt, will man einfach nicht sehen. Umgekehrt möchte man aber nichts Fremdes in seinen Kreisen dulden. Alle Zünfte führen erbitterte Fehden gegen Eindringlinge und wollen ihre Monopolstellung wahren. Erscheinen Fremde mit ihren Waren, so ist man bestrebt, ihnen durch Beschneidung der Rechte das Geschäft so unrentabel zu gestalten, dass sie auf wiederholtes Erscheinen verzichten: Diesem Ziel diente eine Untersuchung des Lichtenberger Amtmanns Baltasar Schrautenbach, die ihren Niederschlag in einem Bericht des Jahres 1595 fand.

Überhaupt scheint das Leben, das von den Zünften mitgestaltet wurde, nicht ohne Bedeutung gewesen zu sein.
Der Aktivität von Zünften in einem kleinen Dörfchen nachgehen zu wollen, erscheint wenig angebracht. Denn eine Sonderstellung dieser Dorfzünfte müsste nachweisbar sein. In der Stadt kann man das Miteinander, Nebeneinander und Gegeneinander verschiedener Zünfte eher erarbeiten und aufzeigen. Für ein einziges Dorf ist solches Tun undenkbar; hier sind die aktiven Elemente in den Zünften des übergeordneten Amtsbezirkes zu suchen.

Für den Lichtenberger Raum werden 6 Zünfte genannt:

1. Bäcker und Müller
2. Küffer, Bierbrauer und Schreiner
3. Leinweber (1685)
4. Schlosser, Huf- und Nagelschmitt, auch Büchsenmacher (1668)
5. Schumacher und Schneider
6. Wagner, Zimmerleuth und Maurer.

Betrachtet man die Geschichte Rodaus unter Hintansetzung kleinlicher
Episoden, dann empfindet man schon bald, dass sie zwei einander entgegengesetzte Abläufe bestimmen.
Beiden gemein ist, dass das Dörfchen stets Objekt, nie Subjekt war, ja - dass wir eigentlich von verschiedenen Objekten, den obenerwähnten Rechtsbezirken, sprechen müssten.
Im ersten Ablauf der Dorfgeschichte lassen rivalisierende Adelsfamilien
durch ihren Drang in diesen Raum eine bestimmte Bedeutungszunahme erkennen. Diese ist jedoch nur relativ.

Im weiteren Verlauf wird diese Entwicklung rückläufig. Zwar
übernimmt Schrautenbach das Erbe der Stumpfe v. Asbach und versucht - übrigens mit Erfolg - die Rechtsbezirke in seiner Hand zu vereinigen.

Doch kann man diesen Bestrebungen nur die Rolle des Schrittmachers zubilligen. Denn letztlich ist es der Landgraf von Hessen, dem all dies zugutekommt, als er im Tausch alle im Besitz Schrautenbachs liegenden Rechte und Realien an sich bringt, um diesem ein Gut in Gundernhausen zu übergeben (1671). In dem über diesen Tatbestand angefertigten Schreiben werden viele Dinge aufgezählt, die man eigentlich nur abgibt, um günstiger dabei zu fahren. Es müsste also für Schrautenbach ein augenfälliger Vorteil gewesen sein, den Tausch einzugehen, wenn man nicht unterstellt, dieser sei in einer Zwangslage zustande gekommen.

Für den Landgrafen lag der Hauptvorteil darin, in unmittelbarer Nähe Lichtenbergs alles unter seinen Hut zu bringen und die Verwaltung zu vereinfachen. Weniger klar tritt der Vorteil für Schrautenbach zutage. Aber vielleicht war es die Möglichkeit der Übersiedelung in ein Gebiet intensiver Weinkultur, die ja bekanntlich immer das Plus flüssiger Geldmittel besitzt, die ihn bestimmte, zuzustimmen.

von Willi Megler,
aus: "Der Odenwald" 1/1959



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